Mein Tag – Kraulend ans andere Ufer

Sabine Eiletz nimmt zum vierten Mal an der Seeüberquerung teil

Protokoll: Benjamin Engel

An einer der breitesten Stellen des Starnberger Sees organisiert die Ammerlander Wasserwacht an diesem Samstag zum neunten Mal die Seeüberquerung. 200 Schwimmer starten auf der 4,2Kilometer langen Strecke zwischen dem Tutzinger Kustermannpark und Ammerland. Um die 75 bis 80 Einsatzkräfte aus Ammerland und benachbarten Rettungsorganisationen sichern die Veranstaltung ab. Die 50-jährige Sabine Eiletz vom Wasserball- und Schwimmverein (WSV) 1972 Geretsried macht beim Langstreckenschwimmen bereits zum vierten Mal mit. Sie genießt das Gefühl, im gleichmäßigen Rhythmus durch die Wellen zu kraulen.

„Im Verein schwimme ich seit 15 Jahren und habe gemerkt, dass ich bei Sprints nicht so mithalten kann. Irgendwann habe ich gedacht, ich probiere einmal ein Langstreckenschwimmen aus. Ich war selbst überrascht, dass das so gut geklappt hat. Am Schwimmen fasziniert mich, dass ich abschalten kann. Im Element Wasser fühle ich mich total wohl. Endorphine werden ausgeschüttet. Der Reiz ist, einen schönen Atemrhythmus zu finden und bis zum Ende gleichmäßig durchzuziehen. Nach der Strecke fühle ich mich sauwohl.

Nur ein ganz kleines Frühstück gibt es am Tag des Schwimmens. Ich stehe um 7 Uhr früh auf. Eine Tasse Kaffee muss sein, damit ich wach werde. Ich esse fast nichts außer vielleicht eine Banane. Danach packe ich mein Zeug, meinen Schwimmanzug und eine neue Schwimmbrille, damit ich auf dem See gut sehen kann. Die alten Brillen beschlagen häufig. Ich fahre nach Ammerland und hole mir die Startunterlagen ab. Für die Seeüberquerung muss man sich schon Monate vorher anmelden. Innerhalb von Stunden sind die Plätze weg. So eine perfekt organisierte Veranstaltung gibt es selten – und die ist auch noch direkt vor der Haustür. Sind alle Formalitäten erledigt, setzen wir uns in den Bus und fahren gegen 9 Uhr nach Tutzing zum Startpunkt im Kustermannpark. Kurz vor dem Start postieren sich alle im Wasser. Manche cremen sich mit Melkfett ein, um sich vor dem Auskühlen zu schützen. Wenn gegen 10 Uhr alle gleichzeitig losschwimmen, ist das wie in einem Haifischbecken. Das Feld zieht sich aber sehr schnell auseinander. Nach 300 bis 400 Metern bin ich alleine. Das ist dann eine Kopfsache. Beim Kraulen ist die Wasseroberfläche komplett dunkel. Du siehst gar nichts, allenfalls die nächste Boje.

Beim Schwimmen habe ich kein Zeitgefühl. Ich werde durch den Rhythmus des Kraulens eingelullt. Es spielt sich ab wie eine Gebetsmühle: atmen, strecken, atmen, strecken, ziehen, ziehen. Erst denkt man, das dauert ja noch ewig, wenn man nach vorne schaut. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo man die Zielfahne erkennen kann. Irgendwann beginnt man die Leute zu erkennen. Auf den letzten 200 Metern fangen dann die Leute an zu klatschen. Das ist ein tolles Gefühl. Wenn ich aus dem See rauskomme, torkele ich wie eine Betrunkene. Das liegt am verlorenen Gleichgewichtsgefühl. Total verausgaben will ich mich nicht. Die Schnellsten schaffen die Strecke in 57, 58 Minuten. Ich hoffe, dass ich es unter eineinhalb Stunden schaffe. Es ist ein schönes Gefühl, das große Gewässer als Schwimmer für sich zu haben, ohne Angst haben zu müssen, dass einem ein Boot in die Quere kommt.“

Bericht in der Süddeutschen Zeitung | Lokalteil